Muss man geschäftlich ins Ausland so kann das Vorteile mit sich bringen. Vor allen Dingen dann, wenn es in Länder geht, deren kulinarischer Ruf ihnen bereits bei der Anreise vorauseilt.
Nun muss ich leider zugeben das mich die Arbeit diesmal so sehr in ihrem unbarmherzigen Griff hatte, daß für eine große Fotostrecke einfach keine Zeit geblieben ist. Das macht aber in sofern garnichts, als das mir am Wegesrand meiner Reise trotzdem zahlreiche großartige Genüsse und Erlebnisse beschert wurden, so das ich gerne davon berichten mag.
Was verbindet der Deutsche mit Belgien ? Bei einer kleinen Umfrage kamen die folgenden 3 Dinge heraus : Bier, Pommes, Techno-Musik. Klingt derb, ist es aber nicht. Doch dazu später mehr.
Ich muss gestehen das ich bereits vor vielen Jahren einer ausgesprochenen Einladung zu einem kulinarischen Gelage nach Belgien leider nicht Folge leistete. Schwerer Fehler, aber vielleicht auch nicht, sonst wäre ich vielleicht noch fetter geworden.
Unsere Reise brachte uns nach Flandern. Für die Menschen die in Erdkunde ein „Ungenügend“ hatten : Das ist der nördliche Teil Belgiens! (Zu den bewegenden kulturellen und politischen Verstrickungen zwischen Valonen und Flamen soll an dieser Stelle mal nichts gesagt werden, zumal sie auch nur peripheren Einfluss auf die Küche haben).
Wir bestritten eine anstrengende Consumer-Show (Übersetzung der Redaktion : „Messe für Endverbraucher, also unwissende Rentner, Schüler und Familien, die sich vor allem dadurch auszeichnet, daß unendliche Massen von Fußvolk sich durch die Gänge schieben und den Standbetreiber mit dämlichen Fragen zu den Produkten nerven. („Hier, was kostetn dess? WAS? SO TEUER?“). Nicht zu verwechseln mit Messen für FACH Besucher die Produktkenntnisse besitzen („Sehr schön! Ihre Preise entsprechen dem Markt und Ihr Produkt überzeugt uns. Wir nehmen dann mal 5.000 Stück davon“. Seufz.)
Wir bestritten dies also und wir bekamen Hunger. Das Schöne war, daß eine ganze Halle (!) der Messe ausschließlich von Ausstellern okkupiert wurde, die erlesenste lokale, aber auch französische Spezialitäten anzupreisen hatten. Es viel dann weiterhin auch auf, daß zwar die Preise im üblichen überzogenen Messe-Rahmen lagen, das Angebot sich aber von dem anderer zuvor besuchter Messen dramatisch unterschied. Es gab nämlich ausschließlich echte lokale Spezialitäten sowie französische Schmankerl zu probieren, zu kaufen, zu essen, zu bewundern. Ruccolasalat mit Balsamicopampe suchte man glücklicherweise vergebens. Dafür gab es vor allen Dingen eines : Speck! Den lieben die Belgier. Sie schmoren den Speck, sie braten ihn, sie vermischen unterschiedliche angebratene Sorten Speck mit Salat und Soße und packen ihn dann in ein riesiges Brötchen (und fertig ist der Belgien-Döner! Der „Böner“). Große Schinken werden mit Honig glasiert und drehen am Spieß das es einem das Wasser im Munde zusammenlaufen läßt. 
Jedenfalls waren etwa 80% der Messebesucher übergewichtig und irgendwie passte das zusammen. Dann die Süßspeisen. Die Belgischen Pralinen sind ja über die Landesgrenze hinaus für ihre Qualität bekannt. Weniger bekannt dürften diese Kegelförmigen Bollen sein, die sie zu riesigen Pyramiden aufgetürmt in allen Geschmackssorten anpreisen.

Klasse geschmeckt haben diese kleinen Kuchen, „Maattarden“ genannt. Herlich locker und garnicht so arg süß.

Wunderbar auch die Käse-, Wurst und Weinstände. Hätten wir nicht arbeiten müssen, wir wären versucht gewesen uns ausschließlich in der Halle mit den Fressalien aufzuhalten.

Belgien, daß bessere Frankreich, so wurde uns gesagt. Ich glaube das jetzt mal nicht, auch wenn viele das so sehen und der uns entgegengebrachte belgisch-kulinarische Nationalstolz in seiner unglaublich manifestierten Form einmalig zu sein scheint.
Ein paar Beispiele : Wir saßen in einem Restaurant und waren ob der gebotenen Qualität der Speisen hin und weg (Es gab überbackene Austern) und das Mitteilungsbedürfnis wuchs ins Unermessliche, so das irgendwann dem Chef gesagt wurde was Masse ist. Dieser, die linke Hand leger in der Jeans-Tasche, den Blick fast abgewandt, meinte nur lapidar : „Naja, dies ist Belgien, nicht war ?“. Und weg war er. Arroganter hätten das nicht mal die Franzosen rübergebracht. Ein anderes Mal, eine ähnliche Szenerie : Schwelgend in überbordendem Genuss schreie ich es heraus „Das Essen ist SO GUUUUT!“. Ein Kellner dreht sich zu mir herum, beachtet mich kaum, verdreht die Augen und raunt „Mais biensur, Sie sind ja auch in Belgien, n’est pas ?“.
Wieder auf der Messe. Ein Händler möchte in Frankreich verkaufen, fährt dort regelmäßig hin. Man erzählt, kommt ZWANGSLÄUFIG auf das französische Essen zu sprechen. Eine Dame sagt vielleicht etwas zu schnell und unüberlegt „Das Essen in Frankreich is so toll!“. Der Belgier bleibt beherrscht, verliert nicht die Fassung. Er senkt Blick und Stimme : „Aber ja. Nur.. wissen Sie wo es NOCH BESSER ist ?“. Ich raune „In Belgien?“. Der Händler „GENAU!“.
Das Verständnis der Belgier für gutes Essen zieht fast mit dem Auto-Fetisch des Durchschnittsdeutschen gleich. Nur wünschte ich, es wäre andersherum. Die Straßen in Belgien sind mit Schlaglöchern durchzogen, die Deutschlands mit schlechten Restaurants.
Ich bin jetzt noch nicht auf der ganzen Welt gewesen, durfte aber in mittlerweile 16 Ländern auf kulinarischen Kurs gehen. Nur in China und Frankreich habe ich eine so hingebungsvolle Esskultur erleben dürfen wie in Belgien. In den kleinsten Städtchen gehst Du die dunkelste Gasse herunter, betrittst die von Aussen betrachtet langweiligste Kneipe, und es erwartet Dich ein mit gut gelaunten Menschen überfüllter Ort des Schlemmens. Man sitzt auf bequemen Stühlen in großem Abstand an mit Silber eingedeckten Tischen die Abends von schweren Kerzenleuchtern dezent mit warmem Licht illuminiert werden und wird von fröhlichen Damen bedient, die mindestens 3 Sprachen fliessend sprechen. Auf der Weinkarte dann fast ausschließlich wundervolle französische Weine, aber keineswegs nur die Hochpreisigen (Es ist ein weit verbreiteter Irrtum, daß Bordeaux gleichzusetzen sei mit „teuer“ ! Teuer sind nur die gepanschten Billig-Plörren aus Chile und Italien, die sie einem in Frankfurt überall zu überzogenen Preisen andrehen, aber wer in der Innenstadt freiweillig € 5,– für ein Glas chilenischen Merlot raushaut ist selber Schuld). Angesichts des äusseren Rahmens kommen erste Ängste ob man sich denn in ein hochpreisiges Spitzenrestaurant verirrt hätte. Aber nein! Das teuerste Gericht kostet gerade mal € 20,– . Fast überall finden sich Muscheln und Fischgerichte, denn die Küste ist nicht weit entfernt.
Dann Steak Tartare, lokale Rindfleischspezialitäten, und sogar „Spaghetti Bolognese“. Klingt nach wenig inspiriertem Bistrot-Allerlei ? Keineswegs! Was uns serviert wird sind üppige Portionen mit ultimativ perfekt zubereiteten Spezialitäten die man in dieser Qualität in Frankfurt sonst nur für den doppelten Preis erhält. Niemand wird schief angestarrt, wenn er nur die erwähnten Spaghetti für € 8,– ordert. Sie haben mir sogar das „Amuse Bouche“ dazu serviert und es waren nebenbei bemerkt die besten Spaghetti die ich jemals hatte. Als absolut herausragend möchte ich den Besuch in einem Grillrestaurant mit dem unaussprechlichen Namen„Creuseneuzeke“ in Aalter erwähnen. Dort bereitete man uns die lokale Spezialität „Cots de Los“, ein spezieller Cut vom Rind, etwa 400 Gramm, auf Holzkohlefeuer medium-rare perfekt gegrillt, in Scheiben geschnitten und serviert mit einer galaktisch guten Sauce Bernaise. Wir waren im Himmel. Aber nicht nur das Essen war genial, auch das Ambiente perfekt. Man sitzt in gemütlichen Armsesseln an großen Tischen superbequem. Überall stehen silberne Kerzenleuchter, das Licht ist gedämpft, die Musik im Hintergrund nicht aufdringlich, der Service fantastisch. Der Gesamteindruck ist zu vergleichen mit der deutschen Sterne- bzw. Spitzengastronomie, nur das einfach gar kein großes Aufhebens um all das gemacht wird und die Preise dem Besuch eines einfachen deutschen Restaurants entsprechen. Glauben Sie nicht ? Fahren Sie hin! Der Wirt setzte sich zwischendurch mal zu dem einen, mal zu dem anderen Stammgast, die Mädels im Service sprechen mehrere Sprachen und sind super entspannt und überall fröhliche Gesichter wohin man sieht.
Und dann die Krönung : Auf allen Tischen stehen Aschenbecher. Man darf Rauchen. Auch Zigarren! Und keiner jammert! Dies war ein Ort, den ich nur sehr ungern wieder verließ. Meine Theorie, daß sich die Einstellung zu Genuß und gutem Essen im positiven Verhalten der Menschen spiegelt, wurde hier mal wieder mehr als bestätigt.
Natürlich gibt es auch die „teuren“ Lokale. Allerdings haben wir die kaum gesehen. Und auch nicht wirklich gesucht. Vielleicht ist dies in Brussel anders (warscheinlich). Da wo wir uns aufhielten, also zwischen GENT und BRUGGE und OOSTEENDE läßt es sich jedenfalls hervorragend Schlemmen, ohne das man Arm wird.
Trinkt man seinen Cafe in der wunderschönen Altstadt von Gent, zahlt man halt die üblichen Aufschläge für die tolle Aussicht auf historische Gemäuer.

Die Architektur ist dann aber auch so beeindruckend, daß es sich lohnt. Hier fanden wir ein kleines Lokal in dem sie die obligatorischen Muscheln besonders fein zubereiteten.

Wir saßen wieder an einem großen, runden Tisch und das Ambiente, sogar die Musik, war irgendwie wie aus den 60er Jahren und hätte mehr als gut in das diesjährige Themenprogramm „Summer of the sixties“ von Arte gepasst. Plüschiges Dekor, bunte Farben, bekiffte Musik. Die Kellner waren superfreundlich, machten ihre Späße, das Bier, ein großartiges Leffe, wurde eiskalt in schönen gläsernen Krügen serviert, es war ein Hochgenuss. Von Vorteil ist es dann jedoch, wenn man Pommes Frites mag. Also die „Frietjes“. Die gibt es nämlich zu ALLEM. Es gibt sie natürlich auch solo. Aber es gibt fast nichts, was es ohne „Frietjes“ gibt. Und weil ich Muscheln so gerne esse und die in Belgien immer mit „Frietjes“ serviert werden und weil die doppelt frittierten belgischen „Frietjes“ einfach einen genialen, knusprigen Kontrast zu den tollen weichen Muscheln im Weissweinsud geben, hab ich das dann auch fast jeden Tag gegessen. Unspektakulär, aber unfassbar lecker. Und es ist schon lustig gewesen, daß EGAL was wir bestellten, so gut wie immer die Frage kam „Mit de läckere Frietjes?“. Und wissen Sie was ? Sogar die verdammte Majonaise dazu war gut.
Und was tranken wir ?
Wenn ein überzeugter Weintrinker an jeder Ecke preiswerte Bordeaux angeboten bekommt und TROTZDEM fast ausschließlich Bier trinkt, dann muss das einen Grund haben. Der Grund war, daß es in Belgien (angeblich, ich hab das nicht überprüft) 800 (achthundert) Sorten Bier gibt. Und der andere Grund war, daß ich total süchtig nach diesen schwarzen Bieren bin, die Du in Frankfurt einfach nirgends bekommst (Ausser Guinness und „Kruziwitsche“, you know what I mean). Aber nicht nur die dunklen Biere waren köstlich, eigentlich schmeckten sie mir alle. Und alle wurden sie eiskalt serviert. Ich ärgere mich in Deutschland immer über diese lauwarmen Biere, die sie im Ausschank haben. Sogar während der letzten Fußball-WM brüllten Gäste aus der ganzen Welt in die Kamera, Deutschland sei toll, aber das Bier nicht kalt genug. Stimmt leider meistens.
Also die leckeren „Frietjes“ und das leckere Bier. VOLLMÄSTUNG!
Was blieb mir also anderes übrig, als zwecks möglicher Motivation zur Leibesertüchtigung Vorurteil Nr.3 nachzuspüren, der Techno-Musik. Kleiner Zeitsprung : Vor etwa 20 Jahren, in meiner Sturm-und-Drang-Zeit, musste es manchmal die extremere Sorte Musik sein. Die BELGISCHE Band „Front 242“ war zu Hause Programm. Die Alben „FUCK UP EVIL“ und „EVIL OFF“ liefen in der Endlosschleife, Besuche im Technoclub des Dorian Gray waren am Wochenende obligatorisch. Sprung zurück in die Gegenwart. Heute hören wir lieber Guitarren-lastigen Rock, Indie- und Avantgardepop und dinieren zu ruhigeren Klängen von This Mortal Coil , David Sylvian oder Tori Amos. Aber ich wollte ja Action. So schlenderte ich also eines Abends eine dieser vormals erwähnten, langweiligen, dunklen Straßen in einer dieser langweiligen Kleinstädte herunter und kehrte ohne allzu große Erwartungen in einer Bar ein in der in einer Ecke ein DJ sein Betätigungsfeld aufgebaut hatte. Was ich in den folgenden Stunden erleben durfte entsprach in etwa dem, was Myriaden von Twens und Teenagern in den 90ern in der Frankfurter Kult-Disco „Omen“ von DJ Sven Väth um die Ohren gehauen bekamen. Mit Ausnahme der unendlich langen, genialen Auswahl von Bieren hier in Belgien. So gab ich es mir mit dem „TROLL“ Bier und es kam in einer Flasche mit einem Troll auf dem Etikett und wurde in einem Krug ausgeschenkt, auf dem ein hüpfender Troll abgebildet war und die Wirkung entsprach endlich einmal der vom beauftragten Marketing umgesetzten Suggestion. Geschüttelt, nicht gerührt. Den Heimweg fand ich Stunden später, durchgeschwitzt und ziemlich breit, nur mühsam.
Ein paar Tage später. Wir sind fertig, im warsten Sinne des Wortes. Wir möchten das Meer sehen. Also folgen wir dem Weg (also dem, was sie dort für eine Autobahn halten) nach Norden und landen in Oostende. Wenn man das Meer mag, aber lange nicht gesehen hat, findet man sogar Oostende gut. Ansonsten eher nicht. Weil wir das Meer halt lange nicht mehr gesehen hatten, wollen wir jetzt die verunglückte Architektur von Oostende nicht weiter kritisieren. Jedenfalls finden wir ein süßes, kleines Fischrestaurant (Achtung! Es gibt davon mindestens 200. Gehen Sie in eine Nebenstraße, da bekommen Sie das selbe Essen mit besserem Service für den halben Preis als auf der Uferpromenade!).
Also wir finden dieses französische Restaurant und es ist plüschig romantisch und die Chefin spricht ausschließlich Französisch und es ist großartig und all das und wenn wir verliebt gewesen wären und 20 Jahre jünger dann hätten wir da jetzt 300 Fotos gemacht. So haben wir einfach nur tolle Muscheln gegessen und EIN Foto gemacht.

Vom Essen, Und ja, es gab die leckeren „Frietjes“ dazu. Und 2 Soßen. Und es war großartig.
Wir laufen auf der Promenade und da gibt es dann die obligatorischen Stände mit Fisch-for-takeaway, der jetzt nicht soo genial war, aber das mag Geschmackssache sein. Dieser dicke Bierteig ist halt nicht meins. Garnelen mit schwerer Majo, frittierte Calamari , alles sehr frisch aber auch mit sehr pappigen Saucen zugekleistert. Wenn Du in Hessen leben musst bist Du ja schon dankbar überhaupt mal sowas zu sehen. Bemerkenswert war der Trockenfisch.

Und die spaßigen Möwen machen einfach immer Freude.

Heimfahrt. Es ist nicht weit und man fragt sich warum man da nicht schon längst mal hingefahren ist. Vor 20 Jahren zum Beispiel. Aber was wäre das Leben, wenn man schon alles gehabt hätte ?
The Everlasting Club
Der Autor lebt immer noch in Frankfurt. Er liebt Fisch, Rindfleisch & viel guten Bordeaux. Ruccolasalat mit Balsamicopampe kann er nicht ausstehen.
Der Artikel mach richtig lust, mal bei die Belgiers vorbei zu schauen. Persönlich kenne ich nur 2 Menschen, die mal dort gelebt haben, aber echte Belgier hab ich noch nie kennen gelernt. Wird mal zeit.